Heime für die schwererziehbare Jugend
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Kapitel 2 · Seite VII

Schwererziehbarkeit.

Alle Erziehung ist schwer, aber nicht alle Kinder sind schwererziehbar.

Erziehen ist schwer aus mehrfachen Gründen. Die Schwierigkeiten und Grenzen liegen im Kinde, das als Lebewesen individuell ist, im Erzieher, der nicht nur mit dem Kind, sondern auch mit sich selbst stets erzieherisch zu tun hat, in den Lebensverhältnissen, die zu karg oder zu üppig sind und die ohne unser Mitwissen, neben vielen guten, auch eine nicht geringe Zahl schlechter geheimer Mit-Erzieher überall bergen. Vollentwicklungsfähige Kinder aber machen ihren Weg — zeitweise auf Umwegen zwar — und sie erreichen ihr Ziel.

Schwererziehbar im weiteren Sinne des Wortes nennen wir ein Kind erst, wenn seine Entwicklungsfähigkeit eventuell dauernd beeinträchtigt wird durch Mängel in der körperlich-seelischen Anlage oder durch langdauernde erzieherisch ungünstige Umweltsverhältnisse. Mängel in der Anlage stellen dar: Erstens Ausfall oder schwere Beeinträchtigung des Gehörs oder der Sehkraft (Taubheit, Schwerhörigkeit, Blindheit, Sehschwäche), zweitens unvollständige Hirnentwicklung (Geistesschwäche der verschiedenen Grade) und drittens Nerven-Gehirnleiden und Mängel in allen jenen inneren Organen, die die Beschaffenheit des Seelenlebens entscheidend beeinflussen (Neuropathien, Psychopathien). Eine besondere und zahlreiche Gruppe stellen dann noch die sprachleidenden Kinder dar.

Als schwererziehbar im engeren Sinne des Wortes bezeichnet man nun nur die dritte der genannten Gruppen, zu welcher sich noch hinzugesellen die durch mangelhafte, erziehungsuntüchtige Umweltsverhältnisse verwahrlosten, seelisch-charakterlich abwegig gewordenen Kinder. Im Alltagsleben werden die schwererziehbaren Kinder einfach als böse oder schlecht bezeichnet. Man betrachtet eben alle Folgen ungünstiger Anlage- oder Umweltsverhältnisse als absichtliche Fehler, als Untugenden und schlechte Eigenschaften, die das Kind gleichsam ablegen könnte, wenn es nur recht wollte und sich zusammennähme. Denken wir an Lügen, Stehlen, Fortlaufen, Faulheit, Ungehorsam, Frechheit, Launenhaftigkeit, Reizbarkeit, Aufgeregtheit, Unverträglichkeit usw.

Erst in der neueren Zeit hat man unter dem Einfluß der Psychiatrie und Psychopathologie auch in pädagogischen Kreisen die Einsicht gewonnen, daß in den meisten Fehlleistungen des Kindes viel weniger Bewußtes und Absicht ist, als es für den nicht besonders psychologisch geschulten Beobachter den Anschein hat.

Vielmehr ist das Ergebnis der neueren Forschung, daß auch seelische Eigenschaften und Verhaltensweisen Entwicklungsprodukte darstellen, daß sie «gewachsen», geworden sind unter ganz bestimmten Umständen und Bedingungen, so werden mußten und nicht anders werden konnten. Eine neue Auffassung von der persönlichen «Schuld» des Kindes hatte sich somit zu bilden, und dadurch drängte sich auch eine grundsätzlich andere Behandlung auf.

Das schwererziehbare Kind ist nur teilweise oder kaum direkt verantwortlich für die gegenwärtige ungünstige Seelenverfassung, für sein sittlich falsches Tun oder Lassen. Die «Schuld» tragen Anlage und Milieu, meist beide Faktoren zusammen. Wie weit aber nach entsprechender Behandlung ein Kind für seine zukünftige Haltung und Lebensgestaltung verantwortlich gemacht werden kann und darf, das muß erst durch Untersuchungen und Beobachtung festgestellt und kann nicht schon am Anfang der «Behandlung» zum vornherein als feststehend angenommen werden.

So gliedert sich denn die Aufgabe am schwererziehbar gewordenen Kind in eine doppelte: a) Erfassung seiner körperlich-seelischen Persönlichkeit nach den Gesichtspunkten der Herkunft und Vorgeschichte und b) Ärztlich-erzieherische Behandlung nach einem gewissen Abschluß der Beobachtung.

Anders gesagt: Nicht zuerst verantwortlich machen, strenger erziehen und strafen, sondern zuerst nach den Ursachen des gegenwärtigen Zustandes forschen. Erzieher und Arzt werden bei der Durchführung beider Aufgaben zusammenarbeiten müssen.

Diese neuen Erkenntnisse und Einsichten haben bereits da und dort sichtbaren Einfluß gewonnen und werden noch weiterhin allgemein gewinnen müssen auf die Um- und Neugestaltung des Erziehungsanstaltswesens.

Die erste Aufgabe wird sein, für das schwererziehbare Kind eine Umwelt zu schaffen, in der es — nach einem längeren Aufenthalt — sich kindstümlich entwickeln kann, wenn es überhaupt voll und gradlinig entwicklungsfähig ist. Das beste Maß für das, was wir dem schwererziehbaren Kinde als Umwelt bieten sollen, ist alles das, was die erziehungstüchtige Familie einem Kinde gewährt und verbietet, gibt und vorenthält. Wenn dann nach einer gewissen, genügend langen Beobachtung es sich zeigt, daß ein schwererziehbares Kind auch in dieser entwicklungsfördernden günstigen Umwelt nicht zurechtkommen kann, dann bleibt eben nur die Annahme übrig, daß seine Anlage im oben erwähnten Sinne Mängel aufweist. Wie und ob sie behandelt werden können, muß vor allem der Facharzt für Nerven- und Seelenleiden entscheiden, wobei ihm der besonders vorgebildete Erzieher (Heilpädagoge) ein treuer Helfer sein wird. —

Die Erziehungsanstalten sind in den letzten Jahren sehr heftig kritisiert, ja in verletzender Weise angegriffen worden von seiten früherer Anstaltszöglinge und einzelner junger Anstaltserzieher. In der Form ist viel bitteres Unrecht getan worden; in sachlicher Beziehung wurde manches grell beleuchtet, was in allen gutgesinnten Fachleuten seit langem Gegenstand schwersten Berufskummers war. Die von den Kritikern gemachten Vorschläge für die neue Gestaltung der Erziehungsanstalten sind nur zum kleineren Teil sofort und direkt ausführbar. Dennoch bleibt die Hoffnung, daß auch dieser bedrohliche Sturm seinen Segen zeitigt.

Prof. Dr. H. Hanselmann, Leiter des heilpädagogischen Seminars Zürich.