Wer erziehen und bilden will, muß seinen Zögling kennen, um methodisch richtig verfahren zu können. Von jeher gehörte dieses Kennen als integrierender Bestandteil zu allem Bilden und Erziehen. Durch Analyse des bewußt und beabsichtigten Bildungs- und Erziehungsaktes wurde dieser Faktor nur noch klarer herausgestellt.
Wie lernen wir das Kind am besten nach seiner ganzen Struktur kennen? Die «Vermutung», das «unbestimmte Gefühl» reicht nicht aus. Auch das «Urteil auf den ersten Blick» und die vielgepriesene künstlerische «Intuition» — von besonders Begnadigten abgesehen — allein tuns nicht. In jedem Falle tun wir gut daran, den schöpferischen Akt der Wesensschau von der Persönlichkeit eines Kindes durch möglichst viele, peinlich sorgsam gesammelte, erfahrungsmäßig gewonnene Einzelfeststellungen zu unterbauen, wenn anders wir die Gefahr der Spekulation und der Typenkonstruktion bannen wollen.
Zu der Untersuchung über den körperlichen und geistigen Zustand des Kindes, zu den experimentellen Feststellungen über die körperliche Eigenart, über die Sinne und die psychischen Leistungen muß ergänzend die Beobachtung des Kindes hinzutreten. Beobachtungen sollen die Untersuchung, die an einen gewissen Raum, an eine bestimmte Stunde gebunden ist, unterstützen und vervollständigen.
Worin besteht nun das Beobachten? Beobachten ist kurz gesagt ein aufmerksames, methodisches, nach gewissen Gesichtspunkten planmäßig ausgeführtes Wahrnehmen.
Wir merken nach gewissen Gesichtspunkten auf, zergliedern das Wahrgenommene, heben einzelne Merkmale davon ab und stellen schließlich zusammenschauend wieder ein Gegebenes fest. Von der rein wissenschaftlichen Beobachtung ist die erzieherisch eingestellte, die Sein und Verhalten des Kindes im Hinblick auf seine Erziehung feststellen will, zu unterscheiden. Die pädagogische Beobachtung hat zunächst nicht zu werten, sie soll sich also bei festgestellten Fehlern nicht entrüsten und auch bei erkannten guten Eigenschaften nicht in ihrer Freude lohen. Eine möglichst neutrale Haltung trägt viel zur Objektivität unserer Beobachtung bei; freilich kann und muß auch beobachtet werden, wie unser Zögling auf verschiedene erzieherische Zugriffe hin reagiert. Doch darf die pädagogische Absicht den Beobachtungsakt nicht verdunkeln.
Welches sind die Voraussetzungen und Bedingungen einer guten Beobachtung? Notwendig ist zunächst das vorgestellte Ziel, das die beharrliche Aufmerksamkeit richtig festhält, einspannt und eindeutig richtet. Es gehört dazu eine Willensanspannung, die zu beachtenden Punkte zu entdecken, schließlich eine Reihe klar gegenwärtiger Gesichtspunkte, nach denen beobachtet werden soll. Wir können in abwartender Haltung beobachten. Erwartetes und schnell wieder Verschwindendes beobachten zu können, erfordert ein schnell und entschiedenes sich einstellen können. Nur nach längerer Schulung gelingt es uns, überraschend und unwillwillkürlich Auftretendes zu beachten.
Unsere Beobachtungstätigkeit muß in die Tiefe gehen, ohne aber das sich ihr eröffnende weite Feld aus dem Auge zu verlieren. Sie muß eindeutig, zielstrebig, beharrlich und vor allem treu sein. Selbst schwache Anlagen zur Beobachtung lassen sich durch Übung steigern. Wer glaubt, eine besondere Beobachtungs-Routine zu besitzen, hüte sich vor der fehlerbegründenden Gewohnheit!
Welches ist der Gegenstand und welches sind die Gesichtspunkte unserer Beobachtung? Beobachten sollen wir die ganze Sphäre des rein Physiologischen, um vor allem die ärztliche Untersuchung in wichtigen Punkten zu ergänzen: z. B. Appetit, Eßgier, Verdauung, Tiefe und Dauer des Schlafes, Traumleben, körperliche Kräfte und Gewandtheit, Koordination der Bewegungen, Einfluß der Tages- und Jahreszeiten, des Wetters, Ermüdung und Reinlichkeit, üble Angewohnheiten wie Fingerlutschen, Nagelkauen, Nasenbohren, Gesichtszucken, Schrei- und Weinkrämpfe, Platz- und Brückenangst, Hautveränderungen, aufgeregtes und zappeliges Verhalten, schließlich alles, was als Äußerung des körperlichen Verhaltens gelten kann.
Es gilt zu beobachten alle Äußerungen des geistig- und seelischen Seins und sittlich-sozialen Verhaltens: Auffassen, Lernen und Gestalten, sprachlicher Ausdruck und Sprachtechnik, die einzelnen geistigen Fähigkeiten — von den Schulkenntnissen sind die Sach- und Lebenskenntnisse wohl zu unterscheiden — zu Geschwistern, zu Straßen- und Spielgenossen, in der Schule, seine Stellung zu Lehrern und Schülern, seine Behandlung von Tieren und Pflanzen, sein Sichgeben bei Spiel und Arbeit und schließlich die Beweggründe seines Verhaltens und Handelns.
Es gibt gedruckte Beobachtungsbogen für die verschiedenen Altersstufen und Zwecke, welche die zu beobachtenden Gesichtspunkte systematisch zusammenstellen und einfach auszufüllen sind. Wenn wir auch die Fülle der Gesichtspunkte uns immer wieder klar machen müssen, uns vielleicht auch an bestimmte Gliederung oder Leitlinie halten, so ist doch der freie Beobachtungsbericht, wie er am Schluß der Beobachtungszeit aus einzelnen Tagebuchnotizen herauswächst, dem ausgefüllten vorgedruckten Schema vorzuziehen.
Wichtig ist, daß wir bei der Beobachtung eines Dritten niemals das Seelische selbst, sondern nur die Äußerungen des psychischen Lebens des beobachteten Kindes wahrnehmen. Um auf das dahinterliegende psychische Erlebnis und auf das zu Grunde liegende Sein zu kommen, bedarf es eines Analogieschlusses auf Grund der eigenen oder fremden Selbstbeobachtung. Wir haben bei uns selbst beobachtet, daß dieses oder jenes psychische Erlebnis die und die Ausdrucksform annimmt. Überall, wo wir nun diese Äußerungen wahrnehmen, schließen wir auf ein entsprechendes inneres Erlebnis. Es ist also wohl zu scheiden zwischen der wirklich wahrgenommenen äußern Handlung, der Ausdrucksbewegung des Kindes und der Deutung dieses Wahrgenommenen. Beides ist auch getrennt zu registrieren. Wenn es schon schwer ist, das Wahrgenommene objektiv sprachlich zu formulieren und sich mit andern darüber zu verständigen, so entstehen sichtlich besondere Schwierigkeiten für den, der auf Grund sprachlich oder schriftlich abgegebener Beobachtungen anderer eine einheitliche Deutung durchführen soll. Die Deutung darf nicht von unserem Erwachsenen-Standpunkte aus erfolgen, sondern möglichst von der Stufe des beobachteten Kindes aus. Deutungen, Erklärungen und Behauptungen dürfen sich schließlich nur auf zureichend tatsächlich Beobachtetes stützen.
Gelegentliche, wenn möglich systematische Beobachtungen sollten bei allen Kindern durchgeführt werden, wenigstens insoweit, daß wir jederzeit imstande sind, bei der Umschulung, bei der Schülerauslese, bei der Berufsberatung oder bei auftretenden Bildungs- oder Erziehungsschwierigkeiten auf Grund des Beobachtungsmaterials eine gute Charakteristik des Kindes zu geben.
Eine von Kindestagen ab durchgeführte Beobachtung ermöglicht uns jederzeit, mit der zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht notwendigen Querschnitt-Charakteristik einen entwicklungs-geschichtlich gesehenen Längsschnitt zu verhindern.
Unerläßlich ist systematisches Beobachten von Kindern und Jugendlichen, bei denen Bildungs- und Erziehungsbemühungen auf Schwierigkeiten stoßen. Hier muß zu der Untersuchung vor allem die Beobachtung Material liefern zur Diagnosenstellung, zur Erklärung des Verhaltens des Kindes aus seiner Gesamtstruktur und vor allem, um eine individualisierende Besserung und weitere wirksame Erziehung zu ermöglichen.
Besonders günstige Beobachtungsgelegenheiten haben zu diesem Zwecke heilpädagogische Beobachtungsstationen geschaffen, die sich Aufnahme- und Durchgangsheime nennen, um dem Kinde die Absicht nicht aufzudrängen und damit die Erreichung des Zieles nicht von vorneherein unmöglich zu machen. Das Zusammenleben in einzelnen Kleinfamilien, eigene Beobachtungsklassen, Heim- und Schülerwerkstätten, Spiel- und Sportplätze und das ganze zu Beobachtungszwecken aufgebaute Heimleben bieten ungezwungen zahlreiche Möglichkeiten unauffälligen Beobachtens. Wenn nötig, lassen sich noch weitere Beobachtungsmöglichkeiten aufsuchen oder bereitstellen.
Gut beobachten können gehört mit zu den wesentlichsten Voraussetzungen erfolgreicher Bildungs- und Erziehungsarbeit. Richtig beobachten lernen ist eine der dringlichsten Forderungen für die Ausbildung und für die Fortbildung aller Lehrer und Erzieher!
Privatdozent Dr. Josef Spieler, Direktor des Institutes für Heilpädagogik Luzern.