Heime für die schwererziehbare Jugend
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Kapitel 5 · Seite XII

Ueber ärztlich-psychiatrische Beobachtung schwererziehbarer Kinder.

Eine gute Erziehung ohne fortwährende Beobachtung kann man sich kaum vorstellen. Jeder Erzieher erwartet, durch seine Beobachtungen gewisse Verhaltensweisen des Kindes zu verstehen und aus ihnen bestimmte Richtlinien für die weitere Behandlung des Kindes zu gewinnen. Es besteht darum ein direkter Zusammenhang zwischen Schärfe der Beobachtung und Qualität und Umfang der erzieherischen Möglichkeiten.

Die ärztlich-psychiatrische Beobachtung hat zunächst die gleichen Ziele, wie sie oben für den Erzieher genannt wurden. Nur hat sie es nicht mit gesunden, «normalen» Kindern, sondern mit krankhaften zu tun. Sie will ein klares Bild von dem Menschen entwerfen, ihn in seinem momentanen Verhalten verstehen, will einen sog. Querschnitt erhalten, eine Zwischenbilanz ziehen und darin sich jeden Posten klar vor Augen führen. Daneben strebt sie an, eine gewisse Lebenslinie, einen Längsschnitt zu sehen und darin das Dynamische zu erfassen, zu verstehen, wie alles geworden ist, um daraus schließen zu können, wie es vermutungsweise in Zukunft weiter gehen wird. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, ist es dem Arzte in der Regel möglich, die von den Erziehern an ihn gestellten Fragen zu beantworten. Neben diesen praktischen Interessen hat der Arzt noch wissenschaftliche Ziele, die hier nicht weiter ausgeführt werden sollen.

Wie kommt man als Arzt dazu, ein bestimmtes Urteil über ein Kind zu erhalten? Man untersucht das Kind körperlich genau, sucht nach Ursachen, die von dieser Seite aus das psychische Leben beeinflussen können (z. B. schlechte Schulleistungen infolge von Blutarmut); man prüft weiter die Grundfunktionen Wahrnehmung, Auffassung, Begriffsbildung, Merkfähigkeit, Gedächtnis usw., versucht sich vom Umfang und der Qualität der höhern Vorgänge, die wir mit Denken zusammenfassen, ein Bild zu machen, und macht sich endlich klar, wie die Gefühlswelt des Kindes sich verhält. Wenn schon das, was wir mit Intelligenz bezeichnen, schwer oder überhaupt nicht vollständig im Versuch, in der Untersuchung im engern Sinne erfaßt werden kann, so ist dies noch viel mehr zu sagen von der Gefühlswelt. Wir besitzen Versuche, die uns Aufschlüsse über das gefühlsmäßige Verhalten eines Menschen geben können (z. B. Jung'scher Assoziationsversuch, Rorschach'scher Formdeuteversuch); da es sich aber bei den Schwererziehbaren, sofern sie nicht stärker Schwachsinnige sind, in der großen Mehrzahl um rein praktische Fragen, die das Gefühlsleben betreffen, handelt, kommt man oft mit den Resultaten der genannten Versuche nicht aus und muß sich noch andere Möglichkeiten schaffen, die Fragen zu beantworten. Dies ist einer der Hauptgründe, die die Notwendigkeit der internen klinischen Beobachtung erklären. Durch diese klinische interne Beobachtung ist möglich ein Zusammenleben mit dem Kinde, ein Kennenlernen in verschiedenen Lebenslagen, ein bewußtes Herbeiführen bestimmter Konfliktsituationen, die alle imstande sind, Aufschluß zu geben über die Stimmungen und Gefühle, die uns wie erwähnt bei den Schwererziehbaren besonders interessieren.

Wer die einzelnen Teile der ärztlichen Beobachtung von schwererziehbaren Kindern in der Art auseinanderlegt, wie dies eben geschehen ist, der muß sich klar sein, daß er damit bei noch so gewissenhafter Durchführung der genannten Einzeluntersuchungen und Beobachtungen das Wesentliche nicht ergreifen kann. So wesentlich z. B. eine Intelligenzprüfung bei der Untersuchung eines Schwachbegabten ist, so fehlt doch im Ergebnis des Einzelversuches das, was wir mit Persönlichkeit, Individualität bezeichnen. Eine vollständige Erfassung derselben ist uns wohl im allgemeinen überhaupt nicht möglich. Ein kritischer Beobachter wird zum Schlusse kommen, daß es sich dann, wenn er eine Persönlichkeit klar und bewußt empfinden möchte, um einen schöpferischen Vorgang handelt. Dieses schöpferische Erlebnis kann sich ihm nur aus einem längern Zusammenleben mit dem Kinde ergeben. Er wird damit zu einem intuitiv gewonnenen Eindruck kommen und finden, daß dieser wohl den wichtigsten Teil seiner Beobachtungen ausmacht.

Dr. med. J. Lutz, Leiter des kantonalen Kinderhauses Stephansburg, Zürich 8, und der psychiatrischen Poliklinik für Kinder.