Heime für die schwererziehbare Jugend
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Kapitel 8 · Seite XVI

Erziehungsberatungsstellen.

Seit einigen Jahren existieren in mehreren Städten oder an besonders geeigneten Orten der Schweiz (s. Verzeichnis S. XVIII) Erziehungsberatungsstellen, die von gemeinnütziger oder öffentlicher Seite geschaffen wurden. Diese Erziehungsberatungsstellen und schulpsychologischen Ämter haben die Aufgabe, allen denjenigen zu helfen, die bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder, ihrer Schützlinge oder Schüler auf große Schwierigkeiten stoßen.

Daß ein Bedürfnis nach solchen Stellen vorliegt, ist begreiflich, macht doch die Kindererziehung heute besonders große Schwierigkeiten. Wohl sind die Kinder in ihrer Wesensart kaum anders geworden, aber die Umwelt hat sich stark geändert: Einerseits sind die Verlockungen größer und mannigfaltiger geworden, und anderseits versagen heute viele der früheren Erziehungshilfen oder sind nicht mehr in gleichem Maße wirksam. Eine feste Tradition, die Eltern und Lehrern so vieles erleichterte, ist kaum noch vorhanden. Was vor einigen Jahrzehnten noch in weiten Volksschichten als unumstößliche Grundlagen für das Zusammenleben der Menschen galt, wird heute kritisiert und in Zweifel gezogen, so daß in sehr vielen Fällen die Methoden, nach denen man noch selbst erzogen wurde, den eigenen Kindern gegenüber versagen. Man kann die Kinder nicht mehr darauf hinweisen, daß für ihre Kameraden ja die gleichen Grundsätze gelten wie für sie. Man kann sich oft nicht mehr in gleichem Maße auf die Mithilfe der Lehrer und Lehrmeister stützen, ja man ist eben auch selbst anders geworden und wirkt nicht mehr in gleicher Weise als Vorbild und Autorität; man ist als Vater und Mutter selber unsicher geworden. So fehlt dem Kinde das, was es am meisten braucht, eine stetige, ruhige und durch Beispiel veranschaulichte sichere Führung. Dazu kommt dann noch, daß es heute infolge unserer veränderten Lebensweise viel schwerer ist, die Kinder richtig spielen zu lassen und richtig zu beschäftigen. Und beides ist für sie unbedingt nötig, das rechte Spiel und die Einführung in die ernste Arbeit. Statt echten Kindern begegnen wir heute Schritt auf Schritt kleinen Erwachsenen.

In allen diesen Schwierigkeiten soll nun der Erziehungsberater helfen, und er kann das in mannigfacher Weise. Manchmal hat er die Eltern und Erzieher zu beruhigen und sicherer zu machen dadurch, daß er ihnen bestätigt, daß diese und jene Erziehungsgrundsätze immer noch Gültigkeit haben. Öfters kann er sie davon überzeugen, daß sie zu ängstlich sind, daß die Unarten, um die es sich handelt, im guten Milieu mit der Zeit wieder verschwinden werden, wie sie gekommen sind. In anderen Fällen wird er ärztlichen Rat empfehlen. Oft auch genügt es, darauf aufmerksam zu machen, welche Fehler wir selbst bei unseren Erziehungsmaßnahmen gemacht haben, und ein wiederholtes, regelmäßiges Zusammenarbeiten mit dem Erziehungsberater kann zum Ziele führen. Freilich muß wohl bisweilen ein kürzerer oder längerer Milieuwechsel vorgeschlagen werden, sei es, daß er wegen den anormalen Veranlagungen des Kindes nötig ist, sei es, daß auf diese Weise erst einmal zwischen Mutter und Kind eine längere oder kürzere Zeit der Beruhigung und Distanzierung auf beiden Seiten eingeschaltet werden muß. So gehen die Maßnahmen nach den verschiedensten Richtungen. Der Erziehungsberater ist eben dadurch, daß er die ganze Sachlage objektiver beurteilen kann, einerseits leichter imstand, zu erfassen, welches die Ursachen der Untugenden und Fehler sind, als es den direkt Beteiligten möglich ist; anderseits kann er dadurch, daß er im Laufe der Jahre Hunderte der verschiedenartigsten Einzelfälle kennen gelernt hat, von erweiterten Gesichtspunkten aus auch besser raten. Eine wesentliche Voraussetzung für die Wirksamkeit seiner Beratung ist allerdings, daß es ihm gelingt, im Laufe der Besprechungen zwischen dem Ratsuchenden und ihm eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens zu schaffen.

Prof. H. Tanner-Winterthur.